Interview with Singulart

So pleased to be interviewed by Singulart! Please follow the link to read the full interview in German.


Sie sind gebürtige Weißrussin und leben nun in Deutschland – welche Unterschiede gibt es Ihrer Meinung nach in den beiden Kunstszenen?

Die weißrussische Kunstszene ist eher konservativ und auf die Hauptstadt Minsk fokussiert. Der klassische Weg eines weißrussischen Künstlers besteht darin, zunächst eine Kunstschule und anschließend eine Kunstakademie in Minsk zu absolvieren, um dann in den Kunstverein eingegliedert zu werden. Der Kunstverein besitzt eine gewisse Macht und bestimmt den offiziellen Teil der Szene. Er verfügt über eigene Galerien und Ausstellungsräume, vermietet Ateliers für die Mitglieder, organisiert die Ausstellungen und kooperiert mit dem Staat.

Erst in den letzten Jahren hat sich neben der offiziellen Kunstszene ein nicht offizielles Prozess entwickelt. Es sind einige Undergroundbewegungen, Magazine und private Galerien entstanden, die für alternative „nichtakademische“ Künstler offen sind, die Nichtmitglieder des Vereins sind. Die Freiheit dieser Künstler ist jedoch begrenzt, sofern ihre Kunst nicht der staatlichen Norm entspricht. So wurde der bekannte weißrussische Künstler Mikhail Gulin von der Polizei festgenommen, als er während seiner Kunstaktion auf dem Oktoberplatz vor dem Palast der Republik auftauchte.

In diesem Jahr wird aber zum ersten Mal eine internationale Art Fair in Minsk (Art Minsk) stattfinden, wo international alle Künstler – auch Autodidakten – willkommen sind. Der Sponsor dieser Veranstaltung ist nicht der Kunstverein oder der Staat, sondern Belgazprom, das zum  weltweit größten russischen Erdgasförderunternehmen gehört.

Außerhalb von Minsk kann man kaum von einer Kunstszene sprechen. In der Stadt Molodetschno, wo ich aufgewachsen bin, wohnen mehr als 100000 Einwohner, aber es gibt keine einzige Kunstgalerie. Baden-Baden, wo ich jetzt seit meiner Emigration lebe, ist viel kleiner, verfügt aber über drei Kunstvereine, ca. fünf Galerien und zwei Kunstmuseen. Und das ist der wesentliche Unterschied zur weißrussischen Szene. Fast jede Stadt Deutschlands besitzt eine eigene bunte Kunstszene, es werden fast monatlich Kunstpreise ausgeschrieben, es gibt mehrere Kunsthochschulen und die großen Art Fairs in Köln und Karlsruhe. Man kann schon den Überblick leicht verlieren.

Welche sind die Highlights Ihrer künstlerischen Laufbahn?

Ein entscheidender Highlight in meiner Laufbahn war die Emigration aus Belarus nach Deutschland, wo ich für mich die Großstadt mit all seinen Strukturen und urbanen Facetten entdeckt habe.

Wie gehen Sie vor, wenn Sie mit einem neuen Kunstwerk beginnen?

Ich beginne zunächst mit einer Recherche über  das urbane Objekt. Dann muss ich es persönlich kennenlernen. Ich besichtige das Objekt möglichst früh, erforsche es und versuche einen metaphysischen Kontakt aufzubauen. Falls die Chemie zwischen uns stimmt, beginne ich die Skizzen und Photoaufnahmen zu machen. Dann kehre ich zum Studio und beginne auf der Grundlage meiner sinnlichen Metawahrnehmung, Skizzen und Aufnahmen mit Öl auf Leinwand zu malen.

Wie würden Sie Ihre Kunst beschreiben?

Meine Kunst ergibt sich aus meiner individuellen Existenzweise. Die Kunst ist mir eine innewohnende Eigenschaft, denn ich male –  solange ich mich erinnern kann. Schon als kleines Kind war ich von der Ästhetik der Strukturen und des darin eingefangenen Lichtes und Schattens begeistert. Ich konnte ein feines Spinnennetz stundenlang betrachten. Solche Strukturen habe ich überall erkannt, besonders in den großen Städten, deren Konstruktionen mich wie gigantische Spinnennetze aus Stahl und Glas gefangen haben.

Meine Kunst ist über die Begegnung mit den posturbanen Räumen und postmoderner Architektur, in denen sich der strukturelle Expressionismus, Minimalismus, Brutalismus und Parametrismus durch meine individuelle Aesthesis (nicht mit Ästhetik verwechseln) erforscht und ausgedrückt wird. Aesthesis ist dabei der zentrale Begriff in meiner Kunst, das die sinnliche Metawahrnehmung beschreibt. In Metawahrnehmungen steht der Vollzug der Wahrnehmung mit seinem Spielraum an sinnlich selbstbezüglichen Leistungen im Mittelpunkt. Ich verharre also nicht bei den sinnlich wahrnehmbaren Architekturformen, ich erkenne in ihnen eine unsichtbare Welt als Schöpfung meiner Einbildungskraft.

Wie hat sich Ihr Werk im Laufe der Jahr verändert hin zu dem, das es jetzt ist?

Ich glaube, es ist noch zu früh darüber zu sprechen, da ich mich noch im Entwicklungsprozess befinde. Bezüglich der Thematik – habe ich aber zunächst mit einfachen urbanen Formen wie Wohnhäuser angefangen. Jetzt beschäftige ich mich komplexeren Konstruktionen wie Flughäfen.

Bezüglich der Technik – waren meine ersten Bilder – durch die klassische Kunstschule geprägt – eher realistish. Heute verfolge ich einen subtilen Verhältnis zwischen dem minimalistischen und expressiven Ansatz. Dabei zeige ich niemals die vollständige Konstruktion, denn meine Pinselstriche sind pastos, intuitiv und immer unabhängig von der Hyperrealität. Oft versuche ich die Struktur und das Licht der Komposition auf brutale Weise zu offenbaren,  oft verdrehe ich die Perspektive, um eine unerwartete Tiefe zu entdecken. Dabei verlieren die Konstruktionen ihr Gewicht. Sie werden leicht, schwerelos und manchmal transparent wie Spinnennetze.

Können Sie uns etwas zu Ihrer Serie „HighTech Architecture“ sagen?

High-Tech-Architektur ist eine postmoderne Architekturströmung, die neue Technologien, Gestaltungs- und Formänderungssprozesse umsetzt. Die Gebäude bestehen dabei aus neuartigen Werkstoffen der High-Tech-Industrie bzw. der Hochtechnologie und zeichnen sich durch zukunftsorientiertes Design aus, bei dem viel Glas und Stahl verwendet wird.

Mit meiner HighTech Architecture Serie möchte ich eine sehr große Periode eröffnen, die viele Jahre dauern wird. Es ist ein ambitioniertes Projekt, in dem ich bedeutende postmoderne Architekturobjekte auf der ganzen Welt besuchen werde, um diese durch meine individuelle Metawahrnehmung mit traditionellen Medien wie Öl auf Leinwand zu interpretieren.

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